#ICH/XYZ

Nimbus

Rückblick auf den „Tag des weißen Stocks“

Nimbus

gestatten, mein Name ist Nimbus…

Ich bin ein weißer Stock, genauer gesagt ein Langstock, noch genauer, ein Blinden-Langstock.

Und hier und gleich erzählt euch meine Besitzerin wie sie und ich zusammen kamen.

eine kurze lange Geschichte…

Ja, die Geschichte mit meinem Langstock ist eine lange Geschichte, die ich hier in aller Kürze erzählen möchte.

Der Langstock ist ein wunderbares Werkzeug, das mir den Weg weist, mir den freien Weg anzeigt, mir Unebenheiten, Hindernisse, Unwägbarkeiten aufzeigt, mir bei der Orientierung hilft, meinen Gang sicherer macht. Mit seiner Hilfe sehe ich wo ich nichts sehen kann. Mit seiner Hilfe finde ich Orientierungspunkte und Kennzeichnungen. Ich kann Treppen gehen, Straßen überqueren ohne an Bordsteinen zu scheitern. Ich kann Pfützen umschiffen, Bodenunebenheiten orten und Untergrund erkennen. Ich kann mich zwischen Wänden, Schildern, Mobiliar, Hindernissen und Abgründen orientieren.

Und ich werde besser gesehen und erkannt.

was, wann, wozu und wie?

Als ich erblindete, quasi von jetzt auf gleich, wußte ich noch nicht viel über den weißen Stock. Ich wusste, dass manche Blinde ihn benutzen. Aber das wann und das wie, nein, darüber wusste ich noch nichts.

Wozu, ja, um sich damit …irgendwie zu orientieren, ja, das war mir klar.

Der Weg zum Ziel…

Was ich auch nicht wusste:wie kommt man zu einem solchen Stock.

Keiner meiner behandelnden Ärzte machte mich darauf aufmerksam. Im Grunde bekam ich überhaupt keine Informationen, wie man sich frisch erblindet zurechtfinden sollte.

Ab und an hörte ich von informierten Mitmenschen, daß „man noch keinen Stock brauche, man würde ja noch…ein bißchen, Grau, wenn das Licht gut ist…“. Andere schämten sich wohl, einen Stock zu benutzen und hatten dementsprechend auch keine Tipps für mich.

Manch einer meinte: „Man kommt doch auch so klar, man muss sich nur ein wenig bemühen und sich trauen“.

Also tappselte auch ich einfach so in der Gegend herum. War ich unterwegs, ging ich meist ja eh Hand in Hand mit meinem Liebsten. Oft blieb ich nur zuhause, denn nach draußen traute ich mich eigentlich gar nicht mehr. Jedenfalls nicht alleine. War ich mit meiner Tochter unterwegs, hakte ich mich bei ihr unter.

Sie mochte es gar nicht, mich frei laufen zu lassen.Sie war sehr fürsorglich und sehr besorgt. So wie es Töchter halt sind.

Ich versuchte es immer mal wieder auch alleine, meist semi-erfolgreich, manchmal ging es gut und ich ging gut..manchmal..

Und einmal ging es auch so richtig schief. Ich übersah einige Stufen, wähnte mich am Ende einer Treppe. Und dann segelte stolperte ich und fiel herab. Göttin-sei-Dank passierte mir nicht allzu viel. Ich hatte ein paar blaue Flecke und mein Fuß war verstaucht. Dank der Reiki-Heilkünste habe ich den damals anstehenden Umzug dennoch über-standen.

Nachher ist man immer schlauer…

Das war uns eine Lehre. Jetzt, wo wir zusammen wohnten, tüftelte mein Mann mit mir gemeinsam eine Art Verhaltens-Anweisungs-Training aus, denn er wollte mich gerne darin unterstützen, wieder ein freilaufender Mensch zu sein. Treppenstufen wurden angesagt, Unebenheiten, Pfützen, Bordsteine, besonders die, die ungewöhnliche Höhen hatten…auf alles wies er mich dezent hin. Er lief vor mir, damit ich mich einigermaßen orientieren konnte. Er vorne, ich hinterher. Dies sah allerdings etwas ungewohnt für normale Mitteleuropäer aus. Aber auch das Immer händchenhaltend wirkte allerdings hin und wieder auch übertrieben, nahmen wir ja so zudem die ganze Gehwegbreite nur für uns ein, und wir waren ja immerhin keine Teenies mehr.

Kurz und knapp…

Ganz schlau waren wir, als wir kurze knappe Ansagen entwickelten. Eine davon war ein „Stopp!“, für Situationen, in denen eine ERklärung des momentanen Sachverhaltes vor Ort nicht schnell genug zu machen gewesen wäre.

Und genau dieses „Stopp!“ rettete mir vielleicht sogar… wahrscheinlich das Leben.

Heute sind wir einen ‚Schritt weiter…Ich wollte etwas für meine erschlaffte Muskulatur tun und schaute mir daher ein Fitness-Studio an. Ich schilderte der dortigen Trainerin meine Situation, sie meinte: „Kein Problem. Ich zeige dir erst mal hier alles. Komm einfach mal mit mir mit. Sie ging vor, erklärte mir, ich hörte zu und folgte ihr. Ich lief leicht versetzt neben bzw. kurz hinter ihr. So ging es durch die Räume des Studios. Mein Mann folgte mir dezent in leichtem Abstand. Ich wollte ja selbstständig auftreten.

Plötzlich,mitten in den Beschreibungen der unterschiedlichen Sauna-Möglichkeiten , hörte ich hinter mir ein scharfes kurzes „Stopp!“ Ich erstarrte zur Salzsäule und blieb einfach nur stehen.

Was war geschehen? Ich stand einen Fußbreit vor einem in den Boden eingelassenes Becken, ca. 3 auf 3 Meter und ebenso tief. Gekachelt mit hartglänzenden scharfkantigen Hochglanz–Fliesen. Allerdings ohne Wasser und ohne jegliche Umrandung, ohne irgendein Absperrgeländer. Nicht auszumalen, was passiert wäre, wäre ich auch nur einen Schritt unbedarft weitergegangen..

Die Fitnesstrainerin war leicht versetzt vor mir hergegangen und hatte es versäumt mich auf das Loch im Boden aufmerksam zu machen. Fatal.

Gut, dass mein Schatz so unendlich aufmerksam war und mich mit seinem „Stopp!“ rettete.

Das Erlebnis hatte seine Wirkung. Ich hatte jetzt noch mehr Angst. Schockangst ist hartnäckig.

So verging erneut einige Zeit.

Ich wurde immer untätiger, unbeweglicher, unselbstständiger.

Ein Taststock gibt den Takt an…

Als einige Zeit später in Gelnhausen eine „Demo gegen Rechts“ angesagt wurde, an der ich unbedingt teilnehmen wollte, Bürgerpflicht, ihr wisst…

kaufte ich mir kurzentschlossen einen Taststock. Der war zwar recht kurz, hatte wenig Reichweite, aber er war immerhin auch weiß, so war ich einigermaßen als Blinde zu erkennen. So überstand ich die Demo unbeschadet.

Allerdings

auch ich erkannte! etwas wesentliches:

Ich erkannte, dass mir dieser Stock eine Sicherheit vermittelte, die ich längst verloren glaubte.

Blinde beim Blindenbund…

Kurz zuvor hatte ich zufällig eine Kontaktadresse zum Blindenbund aufgetan und war dort auch schon mal vorstellig gewesen. Allerdings hatte man mich sogar auch da nicht auf die Möglichkeit eines Langstockes und dem damit verbundenen Training hingewiesen.

Jetzt wusste ich aber, was ich wollte und fragte gezielt nach. Leider bekam ich keine wirklich richtige Auskunft. Der eine meinte, „einen Stock bekommst du erst, wenn du ein Training gemacht hast“. Ein anderer glaubte zu wissen: „Bevor du keinen Stock hast, bekommst du kein Training.“ Man wolle sich jedoch um einen Stock für mich bemühen.

Einige Zeit später informierte man mich,nicht wirklich zeitnah: „Du brauchst übrigens noch ein Rezept deiner Krankenkasse.“

Hier werden Sie geholfen…

Also rief ich bei der Krankenkasse an.Vielleicht würden Die mir, jetzt wo ich gezielt fragen konnte, sicherlich… weiterhelfen. Konnten sie aber nicht. Oder wollten sie nicht? Nein, ich denke, da war Unwissenheit gepaart mit Unwilligkeit im Spiel. „Langstock? Training? …“Nein, da kann ich ihnen nicht weiterhelfen. Da müssen sie schon…Nein weiß ich auch nicht…“

Also die Kk.-Auskunft war nicht! dienlich. Ja, das kannte ich bereits von früheren Nachfragen kurz nach der Erblindung. Schon einmal hoffte ich bereits auf Hilfestellung seitens der Kasse. Fehlanzeige hoch 2.

Also tapperte ich weiter, ohne Langstock und belastete meine Muskeln, meine Gelenke, wurde immer unsicherer, immer unselbstständiger und traute mich nicht mehr raus…mir war einfach die Lust daran vergangen.

Aber ich forschte weiter. Und ich hatte Erfolg. Ich beschaffte mir nach einigen Umwegen und Sackgassen den Kontakt zu einer Mobi-Trainerin. Diese machte mir Mut und beantwortete alle meine Fragen. Sie half mir mit der Antragsstellung.

Kassen-Verweigerung…

Als der Antrag dann endlich meiner Krankenkasse vorlag, verwehrte man mir dort meine Mobilitäts-Trainerin. Plötzlich gab man bei der Kasse vor, sich auszukennen. Man kannte, oh Wunder, nun doch Mobitrainerinnen sogar in der Umgebung,die seien viel billiger… und näher und überhaupt… Was für eine Erkenntnis, wo man auf meine frühere Anfrage noch nicht einmal wissen wollte, was ein Langstock und ein Mobitraining und das alles sei.

Und immer noch tappste ich…

und tappste und tappste. Denn die Krankenkasse stellte sich quer. Verzögerte, verlangte, stellte unhaltbare ungerechtfertigte Bedingungen…stellte sich taub, feilschte um jeden Cent (im Nachhinein wurde dadurch das Ganze teurer, als hätte man gleich zugestimmt) und kurz bevor ich mit meinem Anwalt, den ich zwischenzeitlich hinzugezogen hatte, vor Gericht ging…einigte man sich mit mir.

Also bekam ich nun mein Training, vielleicht ein nicht so Qualifiziertes, kompetentes wie das, das ich mir anfangs herausgesucht hatte…aber ich fühlte mich einigermaßen wohl. Ich lernte auch dort die Grundlagen, nun… und ich bekam meinen Langstock!

Wieder ein Freilauf-Mensch…

Heute weiß ich, wie viele Schutzengel um mich herumgeflattert sein müssen, als ich ohne meinen Nimbus herumtapperte. Und ich weiß was ich an gesundheitlichen und mentalen Einbußen hatte, durch die Zeit des „Blindfluges“ ohne Stock.

Und noch eines weiß ich:

nie wieder ohne!

Happy End…

Mein Nimbus ist nicht mehr weg zu denken. Wir zwei sind unzertrennlich. Er ist mein Begleiter, sobald ich aus dem Haus gehe. Er ist meine Sicherheit, mein Wahrnehmen, er ist ein Teil von mir.

Und so ist für mich der „Tag des Weißen Stockes“ nicht einmal im Jahr, sondern zusammen mit meinem Nimbus an 365 Tagen im Jahr.

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BlindenLangstock / der weiße Stock Blindenlangstock  

Dieser Artikel erschien auch auf Traumspruch.WordPress.Com

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