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Farbenfrau – blindeBegegnung

ein herzliches Dankeschön, dass ich meine Begegnungen bzw. Erfahrungen mit blinden Menschen hier auf diesem Blog beschreiben darf.
Während meiner Kindheit gab es eigentlich nur einen blinden
Menschen, an den ich mich bewusst erinnere. Es war eine junge Frau, die in der Physiotherapie arbeitete, wo ich hin und wieder zur Kurzwellen-Therapie musste. Meine Mutter nannte sie Schwester M. und unterhielt sich mit ihr, wenn wir einander auf der Straße begegneten. Da mich Erwachsenengespräche eher langweilten, waren dies dann Minuten, während denen ich alles beobachtete: den langen weißen Stock, die gelbe Armbinde mit den drei schwarzen Punkten – die beiden auffälligsten Kennzeichen blinder Menschen. Und, dass ihre Augen immer „irgendwohin“ schauten. Dennoch fand ich, dass sie ein freundliches Gesicht hatte und sehr heiter wirkte. Doch am meisten faszinierte mich, dass sie genauso zielstrebig zu Fuß unterwegs war, wie wir sehenden Menschen.
Später, da war ich dann schon Teenie, war ich mit der immer schlechter werdenden Sehkraft meiner Oma konfrontiert. Auf einem Auge seit ihrer Kindheit blind, hatte sie seitdem große Angst, einmal vollständig zu erblinden, wozu es dann wegen Grünen und Grauen Stars tatsächlich fast kam. Das sie ihre Angst vor Erblindung von Kindheit an begleitete, beschrieb sie mit folgender Begebenheit, die sie mir wiederholt erzählte: Als Kind, in den 1920er Jahren, hatte sie einem blinden Bettler auf der Straße voller Mitleid Geld gegeben, wie sie später sagte, mit der Vorahnung, dass es ihr später selbst einmal so gehen würde. Ihre letzten Jahre, die sie in ihrer sogenannten altersgerechten Wohnung wohnte, bevor sie in ein Altenpflegeheim umziehen musste, bemerkte ich zunehmend das Nachlassen ihrer Sehkraft. Geklagt hat sie darüber nie. Im Gegenteil, solange sie konnte, hat sie – irgendwann mit Lupe – gelesen, mit welchen Heilkräutern sie sich selbst noch helfen könnte.
Mittlerweile arbeite ich in einem Altenpflegeheim und betreue hochbetagte Menschen in ihrem Alltag, der nur noch wenig mit ihrem einst gelebten Alltag zu tun hat. Etliche von ihnen sehen sehr schlecht und benötigen viel Unterstützung, um am Gemeinschaftsleben teilnehmen zu können. Sie freuen sich über Hilfe beim Ordnung halten in ihrem Zimmer, eine Spiel- oder eine Vorleserunde.
Immer wieder gilt es, zwischen den noch besser und den fast nichts mehr sehenden Senioren zu vermitteln, Akzeptanz für unterschiedliche Bedürfnisse zu schaffen.
Das fordert
Kreativität, bereitet aber auch Freude, zum Beispiel wenn ich einer Dame oihren Teller mit Kuchen hinstelle und sage: „Hier kommt ein leckeres Stück Kirschkuchen. Und auf zehn Uhr ist ein dicker Klecks Sahne!“
Oder wenn ich meine praktizierte Sehhilfe mit
 dem Satz einleite: „Ich bin jetzt Ihre Augen …“ Da gibt es auch viele fröhliche Momente, trotz allem.
Ja, und wie kam ich nun zu einer Einladung, hier etwas zu diesem Thema zu schreiben? Auf Twitter bin ich als @farbenfrau unterwegs und habe in einem Tweet geschrieben, dass ich beim Aufräumen an Dagmar alias Traumspruch gedacht hatte. Warum, war die Frage. Darum: Auch wenn ich die Menschen meiner Twitter-Timeline in den meisten Fällen nicht persönlich kenne, verbinden mich Erinnerungen an Austausch und Tweets mit ihnen. Auch im medienfreien Alltag. So wie eben neulich beim Aufräumen meines Schlafzimmers. Als ich das bunte Chaos aus Kissen, Decken und Büchern auf dem Bett sah, dachte ich spontan: Wie würde ein blinder Mensch wie zum Beispiel Dagmar das Durcheinander analysieren und beheben – etwas, das für mich nach einem Sekundenblick in fünf Minuten erledigt war.
So bereichern auch diese Bekanntschaften mein Leben, eröffnen Einsichten in andere Lebenswelten, erweitern meinen Horizont, bringen mich zum Nachdenken. Dafür bin ich dankbar.

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